Die Höhenrettung bei der Feuerwehr Düsseldorf

Die Rettung aus Höhen und Tiefen gehört seit jeher zu den Aufgaben der Feuerwehren. Inzwischen haben sich bei zahlreichen Feuerwehren Höhenrettungsgruppen etabliert, die diese anspruchsvolle Aufgabe, die weit über die flächendeckend sicherzustellende Absturzsicherung der Einsatzkräfte hinausgeht, wahrnehmen. Eine qualitativ hochwertige und dauerhafte Aufgabenwahrnehmung bedarf besonders in diesem Bereich einer leistungsfähigen Organisation und adäquaten Rahmenbedingungen. Im folgenden soll dargestellt werden, wie die Feuerwehr Düsseldorf diese Aufgabe gelöst hat. 

Historie und Organisation

Im Gegensatz zum Tauchwesen, der wohl bekanntesten und häufigsten Sonderaufgabe bei Feuerwehren, gibt es für die Höhenrettung keine bundeseinheitlichen Regelungen durch eine Feuerwehrdienstvorschrift. Lediglich die Absturzsicherung wird in der FwDV 1/2 beschrieben. Folglich existieren auch (noch) keine einheitlichen Musterausbildungspläne, Lehrgänge, Anforderungskataloge etc. Am weitesten waren dabei die neuen Bundesländer, da sie auf die Erfahrungen mit dem „Speziellen Rettungsdienst (SRD)“ zu DDR-Zeiten aufbauten. Nicht zuletzt wegen eines Richtungsstreits („Radeberger Haken“ vs. „Bergrettungstechnik“) begannen viele Feuerwehren „auf eigene Faust“ mit dem Aufbau, Ausbildung und Ausrüstung von Höhenrettungsgruppen und experimentierten mit beiden Varianten. Erst über den Erfahrungsaustausch und die Bildung von Arbeitsgruppen entstanden abgestimmte Fachmeinungen und Rahmendaten für die Aus- und Fortbildung.

In Düsseldorf entschloss man sich vergleichsweise spät zur Einrichtung einer Höhenrettungsgruppe. Die Tauchergruppe wird seit der personellen Konsolidierung 1995 in Springerfunktion aus dem Löschzug der Feuer- und Rettungswache 1 heraus besetzt. Neben möglichen Einsatzverzögerungen durch Paralleleinsätze sind erhebliche Anstrengungen notwendig, die nach FwDV 8 geforderten Übungstauchstunden und die sonstige Aus- und Fortbildung (u.a. Bootsführerausbildung auf dem Rhein) zu leisten. Verständlicherweise bestand die Amtsleitung daher auf einem Konzept, das alle Konsequenzen, die mit der Einrichtung einer Höhenrettungsgruppe verbunden sind, darstellt. Nach umfangreichen Vorbereitungen wurde eine Lösung präsentiert, die eine Höhenrettungsgruppe in Springerfunktion möglich macht und die dauerhafte Leistungsfähigkeit sichert.

Weil keine festen Funktionen eingerichtet werden konnten, kam als Stationierungswache nur eine Zugwache in Frage. Damit lässt sich das Risiko von Paralleleinsätzen zumindest teilweise kompensieren. Die Wahl fiel auf die Feuer- und Rettungswache 3, da sie im Gegensatz zur Feuer- und Rettungswache 7 über einen Schlauch- und Übungsturm verfügt. Dieser stellt, wie unten erläutert, einen wesentlichen Bestandteil der Konzeption dar. Als Standard-Einsatzstärke wurden fünf Funktionen vorgesehen, wobei eine Mindeststärke von vier Funktionen immer zu gewährleisten ist. Um bei der Dienstplanung nicht zu stark eingeschränkt zu werden, sollten mindestens 40 Mann als Höhenretter ausgebildet werden. Andererseits war zur Gewährleistung der Aus- und Fortbildung und den damit verbundenen Kosten eine Obergrenze notwendig. Im gegenseitigen Einvernehmen zwischen der Amtsleitung, der Wachführung und der Leitung der Höhenrettung wurde die Zahl der ausgebildeten Höhenretter inzwischen auf 50 Mann erhöht. Seit offizieller Indienststellung der Gruppe am 31.08.2001 standen täglich mindestens fünf Höhenretter zur Verfügung.

Weiterhin war es ausdrücklicher Wunsch, keine Elitetruppe zu bilden. Insbesondere die Höhensicherung bei absturzgefährdeten Tätigkeiten muss flächendeckend sichergestellt bleiben. Dies wird mit der Grund- und Wiederholungsschulung aller beruflichen und ehrenamtlichen Einsatzkräfte durch die Feuerwehrschule Düsseldorf gewährleistet. Als Ausbilder fungieren hier aktive Höhenretter und zusätzlich ausgebildete Multiplikatoren.

Grundsätzliche Ausrichtung auf alpine Rettungstechniken

Durch Vorkenntnisse aus dem Alpinbereich geprägt, stand man den Techniken und Möglichkeiten der alpinen Bergrettung aufgeschlossen gegenüber, auch wenn sich nicht alles mit den damals vorherrschenden Rettungstechniken der ehemaligen DDR in Einklang bringen ließ. Kontakte zur Feuerwehr München zeigten, dass auch dort so gedacht wurde. Die Schulung der Kernmannschaft für den Aufbau einer Höhenrettungsgruppe erfolgte parallel durch Ausbildungen in Heyrothsberge und München. Schnell fiel die Entscheidung zugunsten der alpinen Rettungstechniken und mit der Teilnahme an einem Ausbilderlehrgang in München konnte eine gezielte Ausbildung in Düsseldorf beginnen. Im Hinterkopf blieb dabei immer die Idee, über den Bezug zum Bergsport auch Interesse außerhalb und über den Dienstbetrieb hinaus zu wecken, um so eine langfristige Motivation und Mitarbeiterbindung zu erreichen. Die bisherigen Erfahrungen bestätigen diesen Weg. Inzwischen stehen auf beiden Wachabteilungen jeweils drei Höhenrettungs-Ausbilder zur Verfügung.

Alarmierung

Bei der Frage der Einbindung in die Alarm- und Ausrückeordnung waren sich alle Beteiligten einig, dass es auf die realen Einsätze ankommt, nicht allein auf eine hohe Alarmzahl. Die direkte Alarmierung erfolgt daher derzeit nur bei „Person droht zu springen“, „Person auf Rheinbrücke“ sowie in Fällen, in denen die Leitstelle bereits aus dem Meldebild auf eine Einsatznotwendigkeit schließen kann. Darüber hinaus erfolgt die Anforderung durch den Einsatzleiter. Dieses Verfahren hat sich bisher sehr bewährt, zumal die Zahl der Anforderungen (und damit der „echten“ Einsätze) konstant gestiegen ist – und damit die Motivation. Positiv wirkt sich dabei sicher auch aus, das die FRW 3 die einsatzstärkste Düsseldorfer Wache ist und somit ausreichend weitere Gelegenheit besteht, die Fähigkeiten eines Feuerwehrmannes (SB) unter Beweis zu stellen.

Technik und Taktik

GW Höhenrettung

Um die umfangreiche Ausrüstung zu transportieren und bei überörtlichen Einsätzen nicht Löschfahrzeuge aus dem Stadtgebiet abzuziehen, steht inzwischen ein  eigenes Fahrzeug zur Verfügung. Es handelt sich um einen MB Vario 815 DA-KA mit serienmäßiger Doppelkabine und Allradantrieb. Das Fahrzeug wird in einer separaten Veröffentlichung ausführlich vorgestellt.

Persönliche Schutzausrüstung

Jeder Höhenretter verfügt über folgende persönliche Schutzausrüstung:

  • Sitz-Brustgurt-Kombination mit Falldämpfer, mehrere Schlingen und HMS Karabiner.

  • Overall mit Goretexmembran und Kapuze als Wetterschutz.

  • Leichter Helm mit Halterung für eine Stirnlampe.

  • Schwere steigeisenfeste Bergschuhe, mit denen man auf kleinsten Vorsprüngen sicher stehen kann und zum ergonomischen Aufstieg über sehr lange Leitern.

  • Handschuhe mit Kevlareinlage und drei offenen Fingerkuppen.

 

Die direkte Zuordnung persönlicher Ausrüstung ist kostenintensiv (z.B. ist die Sitz-Brustgurt-Kombination ist gemäß PSA-Richtlinien und Herstellerangaben alle fünf Jahre ersetzen!), hat aber aus hiesiger Sicht mehrere Vorteile:

  • die Identifikation mit dem Material inklusive der Pflege ist deutlich höher

  • der Gurt ist immer passend eingestellt, was nicht nur die Rüstzeiten verringert sondern auch den Tragekomfort verbessert (v.a. bei längeren Einsätzen wichtig!)

Personalgewinnung

Mit einer konsequenten Personaleinsatzplanung, insbesondere zurückhaltender und wohlüberlegter Versetzungsplanung, konnte schon vor Jahren die Mitarbeiterzufriedenheit verbessert werden. Von diesem Grundsatz sollte auch in diesem Fall keine Ausnahme gemacht werden. Seit der Aufbauphase versahen ausgebildete Höhenretter an allen Wachen Dienst. Diese wurden nur auf eigenen Wunsch zur FRW 3 umgesetzt, zumal die Aus- und Fortbildung in der Höhensicherung sowieso flächendeckend fortzuführen war. Mittelfristig wird es hier sicher Nachsteuerungsbedarf geben, da die reine Ausbildung ohne Einsätze sicher nicht dauerhaft motiviert. Ein großer Teil der Stammbesatzung der FRW 3 (inzwischen über 40%) konnte zu Höhenrettern ausgebildet werden, womit die Sollstärke von 40 Höhenrettern bereits im September 2001 erreicht war.

Die Ausbildung zum Höhenretter ist nur ein Basisbaustein zu einer funktionierenden Höhenrettungsgruppe. Wesentlich schwieriger ist die langfristige Fortbildung. Deutschlandweit einheitlich ist die Regelung, das Höhenretter eine 72-stündige jährliche Weiterbildung erhalten müssen. Die bereits 1997 durch den Rat der Stadt beschlossene Schutzzieldefinition sichert die konstante Funktions- und Personalstärke der Feuerwehr Düsseldorf, schränkt aber die Möglichkeiten einer wirksamen Außerdienstnahme von Einheiten zur Aus- und Fortbildung ein. Übungen an Objekten mit langen Rüstzeiten und entsprechender Alarmverzögerung müssen daher außerhalb des Alarmdienstes durchgeführt werden. Eine vollständige Verlagerung der 72 Übungsstunden in die Freizeit, auch gegen finanzielle Vergütung, ist nicht nur langfristig viel zu teuer. Sie konkurriert bzw. kollidiert mit familiären und anderen Interessen der Mitarbeiter und ist so nicht dauerhaft sicherzustellen. Der gewählte Mittelweg sieht wie folgt aus:

  • Jeder Mitarbeiter der Höhenrettungsgruppe erbringt  jährlich 24 Übungsstunden aus seiner Freizeit gegen finanzielle Vergütung. In dieser Zeit wird an größeren Objekten (Funkturm, Hochhaus, Industrieanlage, Steinbruch, Baustelle, Kran, etc.) geübt.

  • Die restlichen 48 Stunden werden innerhalb des Alarmdienstes auf der FRW 3 trainiert. Dazu war es unumgänglich, entsprechende Übungs- und Trainingsmöglichkeiten zu schaffen.

  • In unregelmäßigen Abständen (ca. alle 3 Jahre) haben die Höhenretter die Möglichkeit, ein Klettergebiet im benachbarten Ausland zu besuchen. Hier gibt es in sehr exponiertem Gelände hervorragende Trainingsmöglichen. Das Gebiet in Dinant/ Belgien ist auch bei der belgischen Armee und bei belgischen Höhenrettungsgruppen sehr beliebt. Die Amtsleitung fördert diese Maßnahme, indem ein Fahrzeug gestellt wird und der fünftägige Aufenthalt als Arbeitszeit berechnet wird. Die Übernachtung und Verpflegung müssen selbst bezahlt werden. Diese Fahrt fördert neben der technischen Verbesserung die Kommunikation zwischen den Wachbereitschaften ganz erheblich.

Übungsanlage

Zur FRW 3 gehört ein alter Schlauchturm. Bis 1998 war hier eine der drei Schlauchwäschen der BF untergebracht. Um einen weiteren Betrieb dieser Schlauchwäsche im Einklang mit den Arbeitsschutzvorschriften zu ermöglichen, wären immense finanzielle und bauliche Anstrengungen erforderlich gewesen. Diese Leistung konnte inzwischen fremd vergeben werden. Somit war der Trockenturm (ca.25m hoch), die Schlauchwäsche (ca. 20m lang) und die Schlauchwerkstatt mit Schlauchlager frei und ungenutzt. Hier boten sich nun Räumlichkeiten für die neu entstehende Höhenrettungsgruppe. In einer Befragung der gesamten Wachmannschaft war die Bereitschaft zu erkennen, eine Übungsanlage in Eigenleistung zu errichten. Von großem Vorteil war dabei das Fachwissen mehrerer Tischler, Zimmerer und Maurer. Im Trockenturm entstand eine ca. 200m² große Kletterfläche. Hier können witterungsunabhängig viele seiltechnische Manöver, Auf- und Abseilen, Retten- und Selbstretten geübt werden. Aber auch Klettertechniken und Kondition sind trainierbar. Der Dienstsport wird um eine Möglichkeit reicher. Durch ca. 10.000 Einschlaggewinde kann die Anlage ständig verändert und den Ansprüchen und Fähigkeiten angepasst werden.

Während die Wachmannschaft mit großen Presslufthämmern ca. 15m³ Beton der alten Schlauchwäsche wegstemmte, wurden die Pläne für den Ausbau geschmiedet. Ein Prüfstatiker berechnete die technische Machbarkeit des Vorhabens und zeichnete die Pläne. Wichtig war, dass auch der Vorstieg ermöglicht wird. Dazu müssen in regelmäßigen abständen Haken montiert sein, die jeder für sich ca. 10KN (entspricht 1 Tonne!) Last aufnehmen können. Eine Montage auf den Wänden (Ziegel und Bims) war aus diesen Gründen nicht möglich. Es wurde eine selbsttragende Konstruktion gewählt, die den Turm nur als Korsett benötigt um nicht umzufallen.

Montiert wurden: 200m² Verbundplatten, 10.000 Einschlagmuttern, 700m Balken 12/12, 1.600 Stahlwinkel, 24.000 Ankernägel, 15.000 Schnellbauschrauben, 200 Absturzhaken, 30 Leuchtstofflampen und 100 Liter rutschsichere Farbe – alles in der Arbeits- und Bereitschaftszeit. Da die FRW 3 zu den einsatzstärksten Wachen zählt, wurden die Arbeiten häufig von Alarmen unterbrochen und anschließend wieder aufgenommen. Die Motivation war so groß, das die Mitarbeiter teilweise spät abends um 23:00 Uhr aus dem Turm gerufen werden mussten. Sehr wichtig war die Tatsache, dass kein einziger Mitarbeiter wegen der Montage von seiner Funktion entbunden wurde. Dadurch war der Ablauf im gesamten sehr harmonisch und das Wachgefüge wurde nicht gestört. Alle Mitarbeiter, Höhenretter oder nicht, konnten sich nach ihrem Können einbringen.

Nachdem der Turmausbau fertig gestellt war, folgte auf eine mehrmonatige Schaffenspause der Ausbau des Kellerbereichs unter dem Turm zu einer so genannten Boulderablage. Hier ist auf ca. 150m² eine Kletterfläche in Absprunghöhe entstanden. Ohne Seilsicherung können schwere Kletterbewegungen geschult sowie Kondition und Kraftausdauer effizient trainiert werden. Unterhalb der Boulderwand liegen 60cm hohe Schaumstoffmatten, um bei einem Absturz das Verletzungsrisiko zu minimieren. Diese stellte das Sportamt zur Verfügung

In den Räumen der ehemaligen Schlauchkammer stehen Werkstatt- und Lagerräume zur Verfügung, die insbesondere von den Geräteprüfern genutzt werden. Neben den Gerätschaften der Höhenrettungsgruppe werden hier auch alle Einsatzmittel der Höhensicherung zentral geprüft.

Der Übungsturm steht Angehörigen der Feuerwehr Düsseldorf auch in deren Freizeit zur Verfügung, ebenso anderen Feuerwehren nach Absprache. Voraussetzung ist die Gewährleistung des Dienstbetriebs. Einzelheiten wurden in einer eigenen Nutzungsordnung fixiert. Inzwischen ist in der Feuerwehrsportvereinigung Düsseldorf sogar eine eigene Kletterabteilung der Feuerwehrsportvereinigung entstanden, die zur Zeit 50 Mitglieder aller Wachen zählt, Tendenz steigend. Regelmäßig werden Kletterfahrten organisiert. Neben kleineren Touren nach Belgien, in die Eifel, nach Ith und in die Pfalz fahren die Mitglieder regelmäßig nach Finale Ligure, einem großen Klettergebiet an der Italienischen Mittelmeerküste.

Organisatorische Festlegungen

Bei aller Begeisterung für die Sache musste für einen Großbetrieb mit gut 1.000 haupt- und ehrenamtlichen Einsatzkräften eine klare Geschäftsgrundlage für die dauerhafte Organisation des Höhenrettungswesen geschaffen werden. Eine „Dienstanweisung Höhenrettung“ beschreibt die personellen, organisatorischen und technischen Rahmenbedingungen der Höhenrettung bei der Feuerwehr Düsseldorf. Damit wurde auch der Finanzbedarf dieser Lösung (nicht zuletzt durch die finanzielle Vergütung der aus der Freizeit erbrachten Übungsstunden ein erheblicher jährlicher Bedarf) anerkannt. Ergänzt wird diese durch eine Ausbildungs- und Prüfungsordnung, die neben Lehrgangs- und Prüfungsinhalten auch die grundsätzlichen Personalauswahlkriterien für die Ausbildung zu Höhenretter enthält und somit für Transparenz sorgt. Abgerundet wird das Paket durch die Nutzungsordnung für den Übungsturm, die dem Dienstbetrieb eindeutigen Vorrang vor allen anderen Nutzungen sichert.

Die bisherigen Erfahrungen mit dieser sicher anspruchsvollen Organisationsform sind durchweg positiv und lassen auf eine über viele Jahre hinweg hochwertige Höhenrettungsarbeit hoffen.

Wilfried Birnbaum (HBMZ)
Leiter der Höhenrettung  

Arvid Graeger
Branddirektor

Dipl.-Ing.
Sachgebietsleiter Strategische Planung & Einsatzvorbereitung
Feuerwehr Düsseldorf